Darmflorascreen - Sinn oder Unsinn?

Aktueller Stand der Forschung 2026 (Update)

Immer wieder hören wir, dass ohne einen vorherigen Darmflorascreen kein Darmaufbau stattfinden könne, manche halten das sogar für gefährlich. Auch in unserer Facebookgruppe taucht diese Meinung regelmäßig auf. Dieser Artikel bezieht deshalb dazu Stellung und erklärt, was ein solcher Darmflorascreen kann, was nicht und welche Untersuchung tatsächlich aussagekräftig ist.  

Darmflorascreens, die auf Basis von Bakterienkulturen eine Dysbiose abbilden sollen (kulturell/kulturbasiert), sind nicht geeignet, um daraus Therapieempfehlungen abzuleiten oder eine Erkrankung zu diagnostizieren – sie haben keine Aussagekraft. Ein Darmaufbau kann bei entsprechender Symptomatik also ganz ohne vorheriges Screen erfolgen.
Wichtig ist uns die Unterscheidung, die wir im Laufe des Artikels noch genauer erklären: Wir sprechen hier von kulturellen Darmflorascreens, bei denen Bakterien im Labor angezüchtet werden. Der molekularbiologische Dysbiose-Index, der mittels PCR arbeitet, ist etwas völlig anderes – und der ist in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll.

Warum wir früher etwas anderes gesagt haben

Darmflorascreen bei Hunden - Sinn voll oder nicht

Vielleicht hast du vor einigen Jahren Kommentare oder Aussagen von uns gelesen, die dem oben Gesagten widersprechen. Das stimmt: Ja, wir haben früher ebenfalls Darmflorascreens durchgeführt und darauf aufbauend mit unseren KundInnen Therapiepläne erarbeitet. Das war damals die gängige Vorgehensweise in EB- und THP-Kreisen und wurde so in zahlreichen Weiterbildungen gelehrt.

Das ist einfach die Art, wie Wissenschaft funktioniert: Etwas gilt so lange als gültiger Stand, bis neue, bessere Erkenntnisse es widerlegen. Genau das ist beim Thema Darmflora passiert. Rund um das Mikrobiom des Hundes wird derzeit intensiv geforscht, und in den letzten Jahren sind Methoden dazugekommen, die es vor zehn Jahren schlicht noch nicht gab. Wer sich fachlich weiterentwickelt, passt seine Empfehlungen entsprechend an – auch wenn dadurch früher Gesagtes plötzlich überholt wirkt. Falsch war es damals nicht. Man weiß heute einfach mehr.

Umgekehrt gilt aber genauso: Eine Studie ist nicht deshalb veraltet, weil sie ein älteres Datum trägt. Niemand wiederholt eine gute Studie nur, um dasselbe Ergebnis mit einer neueren Jahreszahl zu versehen. Eine Aussage bleibt gültig, bis sie widerlegt wird – das Erscheinungsjahr allein sagt darüber nichts aus.

Wir prüfen diesen Artikel regelmäßig gegen neue Studien und aktuelle Konsenspapiere und aktualisieren ihn, wenn sich etwas ändert. Und das ist beim letzten Update auch passiert: Einiges hat sich bestätigt, manches ist präziser geworden, und es sind neue Erkenntnisse dazugekommen, die du weiter unten findest.

Was uns die Praxis schon vorher gezeigt hat

Parallel zu den neuen Forschungsergebnissen entwickelte sich bei uns über Jahre der Eindruck, dass die Screens keine verlässliche Aussage treffen. Unsere Behandlungskonzepte funktionierten völlig unabhängig vom Befund und die Vorgehensweise ähnelte sich selbst bei komplett unterschiedlichen Ergebnissen immer sehr.

Wir haben daraufhin bei gesunden Hunden Tests gemacht, die teilweise „schlimmer“ aussahen als die von schwer kranken Hunden.😅 Wir haben bei schwer darmkranken Hunden Screens gesehen, die trotz massiver Symptomatik perfekt aussahen. Wurde derselbe Kot zwei Wochen später erneut eingeschickt, kam manchmal ein völlig anderes Ergebnis heraus – genauso, wenn man vom selben Häufchen zeitgleich an zwei verschiedene Labore geschickt hat. Und ein monatelanger Darmaufbau hat oft nichts am Screen verändert, während sich die Symptome deutlich besserten.

Aber ein Darmaufbau hat bei meinem Hund so super geholfen!

Vielleicht denkst du jetzt genau das. Möglicherweise wurde der Darmaufbau bei euch sogar auf Basis eines kulturellen Screens erarbeitet – also muss der Screen doch gestimmt haben?

Dass ein guter Darmaufbau mit einem hochdosierten Probiotikum und einem Präbiotikum hilft, ist absolut richtig. Das machen wir nach wie vor täglich und wissen, wie wichtig Darmgesundheit ist. Nur orientieren wir uns dabei an der Symptomatik – nicht an einem Test, der die Darmflora gar nicht abbilden kann. Um einen guten Darmaufbau zu machen, musst du also nicht vorab herausfinden, welche Keime angeblich fehlen. Im Gegenteil: Das Geld kannst du dir sparen.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Dieselbe Probe, drei Labore, drei Ergebnisse: Genau das wurde untersucht: Kotproben von 18 gesunden und 18 chronisch durchfallkranken Hunden wurden aufgeteilt und an drei kommerzielle Labore geschickt. Die Kulturbefunde stimmten weder untereinander überein noch mit dem molekularbiologischen Dysbiose-Index. Noch deutlicher: Anhand der Kulturen ließ sich überhaupt nicht zwischen kranken und gesunden Hunden unterscheiden – eine „Dysbiose“ wurde per Kultur sogar häufiger bei den gesunden Hunden festgestellt. Der molekularbiologische Index dagegen trennte beide Gruppen klar. (1)
  • Die Darmflora (das Mikrobiom) ist so individuell wie ein Fingerabdruck, feste Normwerte gibt es kaum. Von den Laboren wird das durch eng gestrickte Referenzbereiche zwar anders suggeriert, die Realität sieht aber anders aus: In einer Untersuchung an 76 gesunden Hunden waren nur 17 von 1.190 Bakterienarten bei wirklich allen Hunden vorhanden – also weniger als 2% (2). Die Anzahl der Milchsäurebakterien oder auch der Clostridien unterscheidet sich zwischen einzelnen gesunden Hunden extrem, ohne dass das eine Bedeutung für ihre Gesundheit hätte. (3)
  • Der Dünndarm bleibt weitgehend unsichtbar. Aus einer Kotprobe lässt sich nicht zuverlässig ablesen, welche Bakterien im Dünndarm sitzen und wie viele es sind. Dabei ist gerade die Dünndarmflora für die Verdauung wichtig und kann genauso Beschwerden verursachen wie der Dickdarm. Unsichtbar bleiben außerdem die Bakterien, die direkt an der Darmschleimhaut haften oder in sie eingedrungen sind. (4)
  • Bezüglich der Dickdarmflora bieten sie nur Einblick in einen winzigen Ausschnitt. Die allermeisten Darmbakterien sind strikte Anaerobier – bei Kontakt mit Sauerstoff also bereits Geschichte – und lassen sich mit den üblichen Verfahren gar nicht anzüchten. Nur ein kleiner Teil der Bakterienarten ist aus einer Kotprobe überhaupt isolierbar; die klassische Kultur, wie sie in Diagnostiklaboren durchgeführt wird, unterschätzt die Bakterienzahl im Darm massiv. (5) Der große Rest taucht im Screen schlicht nicht auf – und das sind genau die Keime, die am meisten leisten.
  • Probiotika siedeln sich nicht dauerhaft im Darm an, auch wenn man das intuitiv annimmt und es früher so gedacht wurde. Sie verschwinden nach dem Absetzen recht schnell wieder und sind dann nicht mehr nachweisbar. Selbst wenn man also nachweisen könnte, welcher Keim fehlt (was per Darmflorascreen eben nicht geht), könnte man ihn nicht einfach zugeben um das „Loch“ zu stopfen. (6)

Aber warum gibt man dann überhaupt Probiotika?

Probiotika haben viele wichtige Aufgaben. Je nach Bakterienstamm unterscheidet sich ihre Wirkung, dazu gehören unter anderem:

  • Reduktion und Verdrängung von pathogenen Keimen
  • Modulation der Darmflora – durch ihr Vorhandensein während der Gabe nehmen sie Einfluss und leisten sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe
  • Modulation des Immunsystems (teilweise sogar Stimulation)
  • ernährungsphysiologische Effekte über die Stoffwechselprodukte der Bakterien 
  • Übernahme von Funktionen, die bei einer Dysbiose verloren gegangen sind
  • Verbesserung der klinischen Symptome  

Auch wenn Probiotika den Darm nicht dauerhaft besiedeln, können die Stoffwechselprodukte, die sie auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt bilden, die Symptome verbessern und die Zusammensetzung des Mikrobioms beeinflussen (7). 

Wichtig zu wissen: Die Wirkung ist stammspezifisch. Was für einen Stamm belegt ist, gilt nicht automatisch für einen anderen – auch nicht innerhalb derselben Art. Gut untersucht sind zum Beispiel Enterococcus faecium SF68 und Bifidobacterium animalis AHC7 (8). Es kommt also sehr wohl darauf an, welches Probiotikum du einsetzt und wie hoch es dosiert ist – nur eben nicht darauf, welche Keime ein Screen als „fehlend“ ausweist.

Aber mit dem falschen Probiotikum kann ich doch komplett die Darmflora verschieben?

NEIN!

Dieser Gedanke entspringt der alten Denkweise, dass sich per Darmflorascreen tatsächlich abbilden ließe, was im Darm fehlt und was nicht. Aus dieser Logik heraus wäre klar, dass man genau die „passenden“, vermeintlich fehlenden Bakterien zugeben müsste und sonst alles ins Ungleichgewicht bringt.

Inzwischen ist aber deutlich geworden, dass die Screens die Darmflora gar nicht abbilden und dass sich die Bakterien eines Probiotikums nicht dauerhaft ansiedeln. Bei über 100 Billionen Bakterien im Darm können die üblicherweise verwendeten, meist eher niedrig dosierten Probiotika keine gezielte, signifikante Verschiebung des Mikrobioms bewirken. 
Und selbst bei sehr hoher Dosierung sieht es nicht anders aus: Gesunde Hunde bekamen 60 Tage lang ein Probiotikum mit 400 Milliarden Keimen täglich. Das Ergebnis: keine Nebenwirkungen, keine Veränderung von Gewicht, Kotqualität oder Blutwerten – und vor allem keine signifikante Veränderung der Gesamtzusammensetzung und der Vielfalt der Darmflora. Verändert haben sich gezielt einzelne Gruppen: Genau die Gattungen, die zugefüttert wurden, nahmen zu, während Clostridium perfringens abnahm. Gemessen wurde am Ende der 60 Tage, also während der Hund das Präparat noch bekam – nachgewiesen wurden damit die Bakterien auf ihrem Weg durch den Darm, nicht dauerhaft angesiedelte.  (9)

Man gibt Probiotika also aus anderen Gründen und kann damit keine Überwucherung des Darms mit „falschen“ Bakterienstämmen herbeiführen. Überwucherungen haben andere Ursachen und sind per Darmflorascreen ohnehin nicht nachweisbar.

Was man dagegen sehr wohl beobachten kann: Ein Synbiotikum (Prä- plus Probiotikum) kann das Mikrobiom während der Gabe verschieben. Das ist mehrfach gezeigt worden – und genau das ist ja auch der Sinn der Sache. Eine Verschiebung ist aber nicht dasselbe wie eine Dysbiose, und negative Folgen bei gesunden Hunden wurden dabei nicht festgestellt. Diese beiden Begriffe werden in Diskussionen häufig durcheinandergeworfen.

Was man daraus nicht ableiten kann, ist die Idee vom „Auffüllen, was fehlt“. Wenn du einen molekularbiologischen Test verwendest, misst der die zugeführten Keime meist gar nicht mit – es wird also überhaupt nicht untersucht, was fehlt, um es dann gezielt zuzugeben.

Der molekularbiologische Dysbiose-Index – das ist etwas anderes

Und jetzt kommt der Test, der tatsächlich funktioniert. Dr. Jan Suchodolski und sein Team von der Texas A&M University haben einen Dysbiose-Index (DI) entwickelt, der ohne Anzüchten auskommt: Per qPCR wird die DNA bestimmter Bakteriengruppen direkt in der Kotprobe quantifiziert. Damit lassen sich auch die strikt anaeroben Keime erfassen, die im kulturellen Screen komplett unter den Tisch fallen. (10)

Gemessen werden die Gesamtkeimzahl und sieben Bakteriengruppen:

  • Bei Dysbiose typischerweise vermindert: Faecalibacterium, Turicibacter, Blautia, Fusobacterium und Peptacetobacter hiranonis (früher Clostridium hiranonis – die Umbenennung erfolgte 2020, du findest in älteren Texten also noch den alten Namen)
  • Bei Dysbiose typischerweise erhöht: Escherichia coli und Streptococcus

Aus diesen Werten wird eine einzige Zahl berechnet. Die Interpretation:

  • unter 0 – normale Darmflora
  • 0 bis 2 – Graubereich, geringgradige Verschiebung
  • über 2 – deutliche Dysbiose

Je höher der Wert, desto stärker weicht die Darmflora vom Normalzustand ab. (11)

Warum ausgerechnet diese Keime?

Weil sie Funktionen abbilden und nicht nur Namen auf einer Liste sind – und das ist der eigentliche Fortschritt gegenüber dem alten „viel/wenig“-Denken:

  • Peptacetobacter hiranonis ist beim Hund praktisch der einzige relevante Keim, der primäre in sekundäre Gallensäuren umwandelt. Fällt er aus, bricht dieser Stoffwechselweg zusammen. Sekundäre Gallensäuren hemmen unter anderem Clostridioides difficile und Clostridium perfringens – deshalb ist gerade dieser Wert so aussagekräftig, und deshalb zeigt sich hier auch schön, dass die pauschale Behandlung „von Clostridien“ auf falschen Annahmen beruht. (12)
  • Faecalibacterium, Blautia, Turicibacter und Fusobacterium sind wichtige Produzenten kurzkettiger Fettsäuren, allen voran Butyrat. Butyrat ist die Hauptenergiequelle der Dickdarmzellen, stabilisiert die Darmbarriere und wirkt entzündungsregulierend. Bei chronischen Darmerkrankungen sind diese Keime und ihre Stoffwechselprodukte reduziert. (13)

Wie gut ist der Test belegt?

Der Test ist gut belegt. Der DI wurde an knapp 300 Hunden gegen die Referenzmethode – die vollständige Sequenzierung des Erbguts aller Darmbakterien – geprüft und bildet die dort sichtbaren Verschiebungen zuverlässig ab (14). Und im Gegensatz zur Kultur ist er reproduzierbar: Teilt man dieselbe Kotprobe in fünf Teile auf und untersucht jeden Teil einzeln, kommt praktisch dasselbe heraus – die Abweichung lag bei unter 11% (15). Genau das ist bei der Kultur nicht der Fall. 

Eine Einschränkung, die du im Hinterkopf behalten solltest: Diese Aussagen gelten für Gruppen von Hunden. Im Mittel unterscheiden sich kranke und gesunde Tiere deutlich – beim einzelnen Hund kann der Wert trotzdem unauffällig sein, obwohl er Beschwerden hat. Der Test misst eine Verschiebung der Markerkeime, nicht „krank oder gesund“.

Und wann brauchst du ihn?

Ehrlich gesagt: Auch wenn er funktioniert, meistens brauchst du ihn gar nicht. Bei deutlicher Symptomatik weißt du in der Regel schon, wie das Ergebnis ausfallen wird und die Behandlung ändert sich dadurch nicht. Wirklich sinnvoll ist er vor allem:

  • wenn eine Kottransplantation im Raum steht (Spenderauswahl und Verlaufskontrolle)
  • zur Verlaufsbeurteilung bei chronischen Darmerkrankungen, wenn sich die Therapie daran tatsächlich ausrichten soll
  • nach längeren Antibiosen, wenn man wissen will, ob sich die Flora erholt hat

Er ersetzt aber keine tierärztliche Abklärung. Der DI sagt dir nichts über Parasiten, Bauchspeicheldrüse, Futtermittelunverträglichkeiten oder entzündliche Darmerkrankungen – deshalb wird er im Labor auch meist als Teil eines größeren Profils angeboten, zusammen mit Blutwerten wie Spec cPL, cTLI, Folsäure und Vitamin B12.

Ganz wichtig: Die Fütterung beeinflusst den Wert

Ein erhöhter Dysbiose-Index bedeutet nicht automatisch, dass dein Hund krank ist. Bei roh gefütterten Hunden liegt der DI im Schnitt deutlich höher als bei Hunden, die Fertigfutter bekommen – mehr E. coli und Streptococcus, weniger Faecalibacterium. Das spiegelt schlicht eine sehr proteinreiche und faserarme Ration wider. (16) Auch bei Frischfutter im Vergleich zu Trockenfutter zeigt sich dieser Effekt, wobei die meisten Hunde trotzdem im Normbereich bleiben. (17)

Umgekehrt fördern Ballaststoffe und Präbiotika genau die Keime, die kurzkettige Fettsäuren produzieren – und senken den Index damit tendenziell.

Ein DI-Ergebnis muss also immer im Zusammenhang mit der Fütterung gelesen werden. Wer das nicht tut, „diagnostiziert“ bei kerngesunden BARF-Hunden eine Krankheit, die es nicht gibt. Aus demselben Grund verfälschen auch kürzlich gegebene Antibiotika und Magensäureblocker das Ergebnis.

Ein Beispiel: Was so eine Untersuchung zeigt – und was nicht

Ganz gut nachvollziehen lässt sich das an einer Untersuchung aus dem Jahr 2023, die den Einfluss eines Synbiotikums (Prä- plus Probiotikum) auf das Darmmikrobiom geprüft hat. Das dröseln wir an der Stelle einmal als Beispiel auf, da diese Studie nach der Erstveröffentlichung des Artikels im Oktober 2023 fälschlicherweise von einigen Leserinnen als Beleg angeführt wurde, um unsere Aussagen in Frage zu stellen. Tatsächlich zeigt aber gerade diese Studie schön, dass unsere Aussagen stimmen 😅
Bei 34 Hunden – 25 mit chronischem oder chronisch-intermittierendem Durchfall und 9 darmgesunden – wurden die Markerkeime vor und nach einer vierwöchigen Gabe bestimmt (18).

Was aus der Studie ablesbar war und was nicht:

  • Gemessen wurde molekularbiologisch, nicht kulturell. Über die Aussagekraft kultureller Darmflorascreens sagt die Untersuchung also nichts aus.
  • Beschrieben wurde eine Verschiebung des Darmmikrobioms – keine Dysbiose. Dass ein Synbiotikum das Mikrobiom während der Gabe beeinflusst, ist sein Zweck, das haben wir weiter oben auch ausgeführt. Die beiden Begriffe werden allerdings oft durcheinandergeworfen.
  • Die Veränderungen bei den einzelnen Keimen waren überwiegend tendenziell und statistisch nicht signifikant. Und sie gingen nicht bei allen Hunden in dieselbe Richtung: Bei 59% verbesserte sich der Score, bei 41% verschlechterte er sich.
  • Die zugeführten Enterokokken wurden gar nicht gemessen, weil sie im Markerkeim-Panel überhaupt nicht vorkommen. Zur Frage, ob man „auffüllen muss, was fehlt“, lässt sich daraus also nicht ableiten – das wurde in der Folge oft falsch interpretiert.
  • Gemessen wurde direkt nach der vierwöchigen Gabe. Wie lange die Veränderung nach dem Absetzen anhält, bleibt offen – das wäre die eigentlich spannende Frage. Die Autoren regen selbst Folgestudien dazu an.

Ein Ergebnis ist darüber hinaus bemerkenswert: 6 der 25 Durchfallhunde hatten zu Beginn einen völlig unauffälligen Intestinal-Score. Deutliche Symptome also, ohne dass sich auf Ebene der Markerkeime etwas gezeigt hätte.

Das ist ein wichtiger Hinweis auf die Grenzen solcher Tests – und zwar für beide Systeme: Ein unauffälliger Wert bedeutet nicht, dass der Hund gesund ist. Nicht jede chronische Darmerkrankung geht mit einer messbaren Verschiebung der Markerkeime einher; die Autoren halten genau das ausdrücklich fest. Umgekehrt gilt, was wir oben schon beschrieben haben: Ein auffälliger Wert bedeutet nicht automatisch, dass der Hund krank ist. Deshalb ersetzt weder der eine noch der andere Test die klinische Abklärung – und deshalb richtet sich ein Darmaufbau nach den Symptomen.

Zur Einordnung: Es handelt sich um eine nicht randomisierte Anwendungsbeobachtung ohne unbehandelte Kontrollgruppe – alle Hunde erhielten das Präparat. Das macht die Daten nicht wertlos, gibt ihnen aber ein anderes Gewicht als einer kontrollierten Studie.

Welche Labore bieten was an?

Hier lohnt der genaue Blick, denn „Dysbiose“ steht inzwischen auf vielen Anträgen – dahinter stecken aber unterschiedliche Verfahren:

  • IDEXX – bietet den lizenzierten, publizierten Dysbiose-Index aus Texas an. Wichtig, weil das früher anders war: Die Proben gehen nicht mehr in die USA, die Untersuchung läuft in Deutschland. Zusätzlich gibt es ein Kombiprofil zur chronischen Enteropathie, das den DI mit Blutwerten wie dem Spec cPL, cTLI, Folsäure, Vitamin B12 und Cortisol verbindet.
  • Bioscientia – bietet den DI ebenfalls als vollständiges qPCR-Panel an und weist selbst darauf hin, dass Rohfütterung, Magensäureblocker und Antibiotika das Ergebnis verfälschen können.
  • LABOKLIN – arbeitet ebenfalls kulturunabhängig per qPCR, wertet die Ergebnisse aber über einen eigenen „Intestinal-Score“ aus. Dieser Summenindex reicht von 0 bis 10 und berücksichtigt, wie stark die Markerkeime von ihren Referenzbereichen abweichen. Wichtig: Hier steht 10 für einen unauffälligen Befund, niedrigere Werte sprechen für eine Veränderung. (19) Die Skala läuft also genau andersherum als beim Dysbiose-Index, wo niedrige Werte die guten sind. Ein Wert von 9 ist beim Intestinal-Score nahezu normal – ein Dysbiose-Index von 9 wäre eine massive Dysbiose. Die Ergebnisse der beiden Labore lassen sich deshalb weder vergleichen noch ineinander umrechnen.
  • VetScreen – bietet beides an: ein qPCR-basiertes Dysbiose-Screening mit eigenem Score und daneben weiterhin den klassischen, kulturellen Darmflora-Screen.

Der letzte Punkt ist der entscheidende: Dass ein Labor moderne Verfahren anbietet, heißt nicht, dass jeder Test dieses Labors aussagekräftig ist. Schau auf die Methode, nicht auf den Namen. Wird angezüchtet, ist es ein kultureller Screen – egal, was auf dem Antrag steht.

Nach einer Antibiose: „Kot wieder fest“ heißt nicht „Darm wieder gesund“

Das ist eine der wichtigsten neueren Erkenntnisse und sie ist für die Praxis richtig relevant.

Bei gesunden Hunden, die 14 Tage Metronidazol bekamen, brach ein wichtiger Teil der Darmflora regelrecht ein: Der Anteil der Fusobakterien fiel von rund 14% auf unter 1%, der Dysbiose-Index stieg deutlich an und die sekundären Gallensäuren sanken massiv. Und jetzt kommt der Punkt: Noch vier Wochen nach Absetzen war die Flora nicht wieder auf dem Ausgangsniveau. Die Autoren empfehlen daher ausdrücklich einen zurückhaltenden Umgang mit Metronidazol beim Hund. (20) Auch nach Tylosin erholt sich die Darmflora nicht bei jedem Hund vollständig: Im Mittel hatten sich die Werte nach neun Wochen wieder angeglichen, das Ausmaß der Erholung war aber von Hund zu Hund sehr unterschiedlich. (21)

Für dich heißt das: Wenn dein Hund eine Antibiose hinter sich hat und der Kot wieder fest ist, ist der Darm noch nicht durch. Eine gezielte Unterstützung über mehrere Wochen ist hier absolut sinnvoll – und dafür brauchst du keinen Screen, sondern einfach das Wissen, dass eine Antibiose stattgefunden hat.

Passend dazu: Das aktuelle ACVIM-Konsenspapier (2026) zu chronischen Darmerkrankungen spricht sich klar gegen den empirischen Einsatz von Antibiotika bei Verdacht auf eine chronische Enteropathie aus und stellt stattdessen die Diät an die erste Stelle – 38 bis 89% der betroffenen Hunde sprechen allein darauf an. (22)

Kottransplantation (FMT) – hier ergibt der Dysbiose-Index wirklich Sinn

Seit 2024 gibt es erstmals klinische Leitlinien zur fäkalen Mikrobiota-Transplantation bei Hund und Katze, erarbeitet von einem internationalen Expertengremium. Kernaussagen: Die Methode ist sicher, minimalinvasiv und wird gut vertragen. Empfohlen wird sie als begleitende Maßnahme, unter anderem bei Parvovirose, akutem Durchfall und chronischen Darmerkrankungen. (23)

Die Datenlage ist dabei unterschiedlich stark: Am besten belegt ist der Effekt bei der Parvovirose. Bei chronischen Enteropathien gibt es viele positive Beobachtungsstudien (24), kontrollierte Studien fallen jedoch gemischter aus – eine einzelne rektale Übertragung verbesserte zwar den klinischen Score, veränderte das Mikrobiom aber nicht dauerhaft. (25)

Genau in diesem Zusammenhang ist der Dysbiose-Index sinnvoll: zur Auswahl geeigneter Spendertiere und zur Kontrolle des Verlaufs.
Wer sich dazu gerne weiter einlesen möchte, findet hier noch drei gute, sehr aktuelle Quellen:

Darmschleimhautwerte – Leaky Gut, Zonulin und Co

Noch ein paar Worte zu Werten, die in Darmflorascreens gerne mitgemacht werden, allen voran Zonulin, das Hinweise auf eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut geben soll.

Wichtig zu wissen: Zonulin lässt sich im Blut oder im Kot bestimmen – das sind zwei verschiedene Tests, und die Datenlage dazu ist nicht dieselbe. In den Kot-Screens, um die es hier geht, wird der Wert im Kot gemessen.

Für den Hund fehlen belastbare Erkenntnisse in beiden Fällen. Es gibt zwar hundespezifische Testkits und Referenzwerte, es ist aber weiterhin unklar, was der Wert beim Hund eigentlich aussagt. Manche Labore formulieren, er korreliere mit dem laborinternen Dysbiose-Ergebnis, geben gleichzeitig aber an, dass man einen hohen Zonulinwert nicht einfach mit „Leaky Gut“ gleichsetzen dürfe. Dazu kommt: Zonulin ist auch Teil einer gesunden, natürlichen Immunreaktion des Darms. Es bleibt also fraglich, ob und welche Aussagekraft dieser Wert überhaupt hat.

Für die Blutvariante gibt es immerhin eine Untersuchung beim Hund: 21 Hunde mit chronischer Darmerkrankung wurden mit 21 gesunden Hunden verglichen. Die Zonulinwerte im Blut unterschieden sich praktisch nicht (0,28 gegenüber 0,27ng/ml) – der Test konnte kranke und gesunde Hunde also nicht auseinanderhalten (26).

Aus der Humanmedizin kommt dazu ein grundsätzliches methodisches Problem: Die verbreiteten kommerziellen Zonulin-Tests messen offenbar teilweise gar nicht Zonulin, sondern strukturell ähnliche andere Eiweiße. (27) Auch das bezieht sich auf die Bestimmung im Blut – es lässt sich also nicht eins zu eins auf den Kotwert übertragen.
Für die Bestimmung im Kot beim Hund fehlen uns aber schlicht Studien, die zeigen würden, was der Wert bedeutet.
Unterm Strich heißt das: Für die Blutvariante ist beim Hund gezeigt, dass sie nicht zwischen krank und gesund unterscheidet. Für die Kotvariante gibt es diesen Nachweis gar nicht erst – weder in die eine noch in die andere Richtung.
Da die Darmschleimhaut bei jedem vernünftigen Darmaufbau ohnehin mitberücksichtigt und mitbehandelt wird, brauchst du diesen Wert für eine gezielte Hilfe nicht.

Was heißt das jetzt für dich und deinen Hund?

  • Du musst kein Geld für einen kulturellen Darmflorascreen ausgeben, um einen vernünftigen Darmaufbau machen zu können. Im Gegenteil: Er liefert dir keine neuen Erkenntnisse für die Therapieplanung, und man läuft sogar Gefahr, daraus falsche Schlüsse zu ziehen.
  • Mit einem Probiotikum kannst du keine „Verschiebung der Darmflora“ im Sinne eines Schadens hervorrufen.
  • Ein Darmaufbau ist nach wie vor sinnvoll, bringt bei vielen Erkrankungen den Durchbruch und ist ein wichtiger Bestandteil in Behandlungskonzepten.
  • Wenn Symptome da sind und Handlungsbedarf besteht, sollte ganzheitlich herangegangen werden: Neben Futterumstellung beziehungsweise -optimierung wird nach der Ursache gesucht – Giardien, pathogene Keime, vorangegangene Antibiosen, Medikamente, Grunderkrankungen und so weiter.
  • Kottests können dabei durchaus sinnvoll sein – dann geht es aber um parasitologische Untersuchungen und um funktionelle Parameter wie die pankreatische Elastase oder um die gezielte Suche nach toxinbildenden Keimen und Salmonellen. Welche Parameter im Einzelfall weiterhelfen, besprichst du am besten mit deiner Ernährungsberatung oder Tierärztin.
  • Und manchmal ist eben auch ein molekularbiologischer Dysbiose-Index hilfreich. Ein kultureller Screen, der „die Menge der guten Bakterien“ abbilden soll, ist es nie.

Bitte bedenke außerdem: Darmprobleme sind sehr individuell. Gerade in Facebookgruppen sehen wir häufig, dass Maßnahmen wahllos nachgeahmt werden – ohne Struktur und Konzept führt das selten zum Ziel. Investiere das Geld, das du dir beim Darmflorascreen sparst, lieber in den Darmaufbau selbst oder in eine gut qualifizierte Ernährungsberatung.

Weiterführende Links

Kritisch beleuchtet werden die Grenzen der bestehenden Dysbiose-Indizes außerdem von Walther et al (2026) – es bleibt spannend, was sich in diesem Bereich in den nächsten Jahren entwickelt. 

Zuerst veröffentlicht am 19. Oktober 2023, zuletzt vollständig überarbeitet und auf den aktuellen Forschungsstand gebracht im September 2026. 

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